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Colloquium: Musik im Unterhaltungskino des "Dritten Reichs"

Bild: Murnau Stifung/HfM

April 2010

Zu den historischen Zeugnissen der deutschen Musikkultur der 1930er und 40er Jahre zählen nicht nur Musikwerke wie Orffs Carmina Burana, sondern auch eine Fülle an symphonischen Filmmusiken, in denen Aspekte der Populärkultur und der Kunstmusik zusammentreffen.

Die medienwissenschaftliche Forschung zur Filmproduktion und -rezeption in Deutschland zwischen 1930 und 1945 hat sich in Reaktion auf die besonderen historischen Rahmenbedingungen bisher vorzugsweise mit den Themenfeldern Politik und Unterhaltung bzw. Ästhetik und Ideologie beschäftigt. Neben wirtschaftlich-politischen oder technisch-innovativen Aspekten der Filmproduktion, den institutionellen Verflechtungen von Produktion und Politik, neben (Werk-)Biographien von Regisseuren und Schauspielerinnen und Schauspielern und neben der Analyse sowie der sozialhistorischen, sozialpolitischen und sozialpsychologischen Einordnung nationalsozialistischer oder proto-nationalsozialistischer Propagandafilme wird unter dem Blickwinkel rezeptionsästhetischen Interesses hauptsächlich das - scheinbar harmlose - Unterhaltungskino als mehr oder weniger subtiles Instrument politischer Beeinflussung oder als Medium der Verbreitung nur latent bewusster nationalsozialistischer Ideen und Gesellschaftsvorstellungen untersucht. Hierbei stehen Fragen der Stoffwahl, des Genres, der dramaturgischen Gestaltung, der Repräsentation spezifischer Rollenbilder und der kinematographischen Ästhetik im Vordergrund. Dem Medium Film entsprechend nehmen dabei visuelle bzw. filmsprachliche Gestaltungselemente und daraus abgeleitete Bedeutungsstrukturen die zentrale Rolle ein. Der Einsatz der Filmmusik und ihre dramaturgischen Funktionen in der Unterstützung der Handlung und der Aufmerksamkeitslenkung der Zuschauer erfährt dabei so gut wie keine Beachtung.

In der musikwissenschaftlichen Forschung hält sich das Interesse an der Filmmusik des Dritten Reichs in engen Grenzen. Nennenswerte Beiträge entstanden erst seit den 70er Jahren; meist handelt es sich um Bestandteile übergreifender filmmusikhistorischer Darstellungen. Konkrete Analysen liegen nur in geringer Zahl vor, wobei der Fokus auf die expliziten Propagandafilme auffällt. Es ist nicht übertrieben festzustellen, dass die Filmmusik eine vernachlässigte Größe im wissenschaftlichen Diskurs über das deutsche Kino zwischen 1930 und 1945 ist, ein weitgehend unbeachtetes Feld der filmästhetischen Gestaltung.

Das musikwissenschaftliche Colloquium „Musik im Unterhaltungskino des Dritten Reichs“ reagiert auf diesen Mangel; es soll der filmmusikbezogenen Forschung Impulse geben. Zum einen richtet es thematisch den Blick auf die eher unterhaltenden Genres (Kriminalfilm, Abenteuerfilm, Melodram und Musikfilm). Sie haben im Unterschied zu den zahlenmäßig klar in der Minderheit befindlichen Propagandafilmen bisher die geringste Aufmerksamkeit auf sich gezogen und bieten über die genretypischen Gestaltungskonventionen vielfältige Analyse- und Vergleichsmöglichkeiten, nicht zuletzt mit den von Joseph Goebbels geschätzten Hollywoodproduktionen. Zum anderen lädt es – erstmals in Deutschland zu dieser Thematik – zum interdisziplinären Dialog zwischen Musikwissenschaft, Geschichte und Medien- bzw. Filmwissenschaft ein. Die thematische Fokussierung bietet die Chance, die unterschiedlichen fachspezifischen Sichtweisen auf die Ebenen des Visuellen, Auditiven, Narrativen und Sozialen unmittelbar aufeinander zu beziehen.