Eine kurze Zusammenfassung der Tagungsinhalte
Das Colloquium wurde am Donnerstag, 26. April durch ein Konzert mit Liedern von Hermann Zilcher und Armin Knab sowie der Suite für Klavier op. 25 von Arnold Schönberg, drei Préludes von Claude Debussy, Cinq Études de Jazz von Erwin Schulhoff und dem Concertino für Streichquartett von Igor Stravinsky eröffnet. In elf Vorträgen wurde am Freitag und Samstag das künstlerische Leben Würzburgs Anfang des 20. Jahrhunderts beleuchtet.
Neben musikwissenschaftlichen Vorträgen, die sich auf das heutige Mainfranken Theater, die Universität Würzburg oder die Hochschule für Musik Würzburg (damals Konservatorium) und deren Künstler bezog, erhielten die Zuhörer Einblick in die politischen und kulturellen Zusammenhänge sowie in die Situation der Bildenden Kunst und der Literatur in Würzburg. Die Zuhörerschaft war nicht übermäßig groß, aber äußerst engagiert, besonders rege brachte sie sich in den Diskussionsrunden nach den Vorträgen ein. Meist mussten die Diskussionsleiter Prof. Dr. Christoph Henzel und Prof. Dr. Bernd Clausen Diskussionen abbrechen, um den Zeitrahmen der Veranstaltungen einzuhalten.
Interessiert wurde über den Begriff „Provinz“ debattiert. In seiner Einführung umriss Prof. Dr. Christoph Henzel, der Leiter des Colloquiums, zum ersten Mal den Begriff „Provinz“, der bei vielen Vorträgen thematisiert wurde. Schlaglichtartig skizzierte er ihn etwa als Gegenpol zur Großstadt, dort, wo nicht viel los sei, zwischen idealisierender Kontrastierung und Dekadenz in der Großstadt sowie heil gebliebener Welt und Volkstümlichkeit.
In summa waren sich die Referenten einig, dass Würzburg sehr konservativ und ländlich geprägt war und sich modernen Tendenzen nur in überschaubar kleinem Rahmen näherte. Prof. Henzel stellte gar als These auf, dass sich „Würzburg der Moderne verweigerte“. Prof. Dr. Wolfgang Rathert aus München hatte in seinem ersten Vortrag erläutert, dass die Fallhöhe zwischen der Metropole Berlin und Restdeutschland, der „Provinz“, zu Anfang des 20. Jahrhunderts sehr hoch war. Die Vormachtstellung Berlins führte zu einem „Hass auf Berlin und damit auch der neuen Musik“.
Im Konzertleben Würzburgs, bei den literarischen Werken sowie der bildenden Kunst ist kein Einschnitt nach der Machtergreifung von 1933 zu erkennen, da ja schon zuvor keine „Entarteten Werke“ vorhanden oder erklungen seien. Dr. Bettina Keß zitierte Robert Piloty (1911): „Ein idyllisches Weinbergstädtchen, welches in Landschaft und in Erinnerung lebt, vom Pulsschlag der lebenden Kunst wenig berührt, Denkmäler der großen Perioden deutscher Kunst in feinster Auswahl und bester Erhaltung birgt“.
Einige Referatstitel erwiesen sich – überraschend oder auch nicht – als historische Zitate aus damaliger Zeit:
In seinem Vortrag „Stadt der Lebensfreude, der Geruhsamkeit und der Altersheime“ gewährte der Würzburger Historiker Prof. Dr. Matthias Stickler Einblicke in das ländlich, katholisch-konservativ geprägte Würzburg, das nur vereinzelt Versuche unternahm, weltmännisch zu werden.
„Würzburg ist ein geistiger Sumpf, eine Stadt ohne Kultur“ zitierte der Würzburger Heimatpfleger Dr. Hans Steidle den Würzburger Literaten Ludwig Friedrich Barthel (gest. 1962). Er vertrat für die damaligen Literaten Würzburgs die Auffassung: „Erfolgreich in der Welt hieß gleichzeitig erfolglos in Würzburg zu sein“.
Der Musikwissenschaftler Dr. Christian Lemmerich sprach über Hermann Zilcher, den Mittelpunkt der damaligen kulturellen Gesellschaft. Der Pianist gründete das Mozartfest Würzburg und war lange Jahre Direktor des Staatskonservatoriums. Das Ideal seiner Haltung ist eine national-deutsche Einstellung („Wirklich gute starke deutsche Musik“), was er selbst ganz apolitisch verstanden wissen wollte.
Gerade der breite Blick auf Würzburgs Kulturleben wurde von vielen Referenten und dem Publikum des Colloquiums geschätzt. Vielleicht entspinnen sich aus diesen Grundlagen zukünftig weitere Erkenntnisse um Würzburgs kulturelle Vergangenheit? Eine Veröffentlichung der Vorträge wäre dafür sicher förderlich. Sie ist angedacht.