Interview mit Irmtraut Schmidt

Irmtraut Schmidt über ihre Studienzeit am Staatskonservatorium

Frau Schmidt (geb. 1935) studierte von 1952 bis 1958 und dann noch einmal 1960 am Staatskonservatorium in Würzburg. Sie lebt heute in Italien in der Nähe von Arezzo. Sie hat im Oktober bis Dezember 2014 freundlicherweise auf einige Fragen schriftlich geantwortet.

1. Wie sind Sie zur Musik gekommen? Was führte zu Ihrer Instrumentenwahl?

IS:: Zur Musik kam ich durch unseren Vater (Mathematiker), der ein guter Pianist und exzellenter Musikkenner war. Vermutlich hat er Geige vorgeschlagen.

2. Warum wollten Sie Musik studieren?

IS: Musik zu studieren war die Idee eines bestimmten Geigenlehrers ca. 1952. Damals war die Familie nachkriegsbedingt bereits in der dritten Stadt (Braunschweig).

3. Wie verlief die Aufnahmeprüfung?

IS: Ich erinnere mich nicht an Aufnahmeprüfungen in Würzburg (unserer vierten Stadt und „Endstation“).

4. Wie haben Ihre Lehrer unterrichtet?

IS: Den Ablauf einer Unterrichtsstunde kann ich nicht beschreiben. Mein erster Lehrer Willy Schaller am Staatskonservatorium unterrichtete nicht nach einer bestimmten Methode– im Gegensatz zu seinem Nachfolger Heinz Endres aus München, der z.B. die sog. russische Bogenschule lehrte und bei dem ich auch Einiges völlig umlernen musste. Endres unterrichte so, dass er aus nicht naturtalentierten Schülern gute Geiger machte! Schaller dagegen war bei Schülern ohne Naturtalent ziemlich ratlos; dafür hat er auf musikalischem Gebiet viel Begeisterung erwecken können, nicht so sehr auf technischem wie Endres. Noch etwas Nettes am Rande: Willy Schaller nahm uns manchmal ein Stück mit in seinem schwarzen „Leporello“ (bitte von hinten lesen). Willy Schaller war fast ein Doppelgänger von Richard Wagner.Er wusste das und trug dieselbe riesige schwarze Baskenmütze. Erwähnenswert ist, dass er schon damals neuartige Fingersätze gelehrt hat (Über-, Untergreifungen, ‚zwischen‘ den Lagen spielen, 2. und 4. Lage kultivieren) und dass er mit uns – die weiblichen Schüler nannten ihn übrigens Onkel Willy – auch Orchesterstudien durchnahm. Das half mir bei den Probespielen, bei denen bekanntlich auch Orchesterstellen vorgelegt werden. Damals waren üblich die Anfänge der Oberon– und der Euryanthe-Ouvertüre von Weber. Beide konnte ich auswendig vortragen und dem ach wie erstaunten Orchester 1965 vor die Füße knallen …
Endres war sehr sachlich und, wie ich schon erwähnte, von seiner Methode (als Stross-Schüler [1]) überzeugt, mit Recht und mit Erfolg. Allerdings ließ er mich keine virtuosen Konzerte spielen, auch keinen Mozart (die Mozart-Konzerte werden heute bei allen Probespielen weltweit als erstes Stück verlangt). Virtuose Konzerte: „Die brauchen S’ eh net.“ Amen. Ich habe mir später einige Konzerte selbst beigebracht und auch mit verschiedenen Orchestern gespielt.

5. Welche Werke haben Sie besonders intensiv studiert? Wie haben Sie geübt? Wie lange pro Tag?

IS: Die Frage ist falsch gestellt: Ich studierte nicht besonders intensiv bestimmte Stücke, sondern der Lehrer glaubte zu wissen, was für mich gerade das richtige Stück ist. Wie man übt, das ist eine lebenslange Frage… Wie lange…? Wichtiger ist vielleicht, dass ich mit 15 bereits Bratsche spielte (mein Vater hatte ein Instrument) und in einem Studentenquartett der Uni bis spät in die Nacht mitwirkte – um anschließend z.B. noch einen Hausaufsatz zu schreiben!

6. Welche Rolle spielte die Kammermusik? Und die Musik des 20. Jahrhunderts?

IS: Außer dem Spielen im Studentenquartett versuchte mein Vater, mit mir Sonaten auch von weniger bekannten Komponisten zu spielen, z.B. von Heinrich Kaspar Schmidt, Heinrich Kaminski… Zwar war, glaube ich, ein für mich spielbares Stück von Hindemith dabei, aber im Übrigen spielte er mit uns Trio (mit meinem Bruder Burkhard). [2]

7. Wie waren die Studienbedingungen (Übezeiten, Überäume, Bücher, Noten usw.)?

IS: Dazu kann ich nichts sagen. Geübt hat man zu Hause. Bücher? Unser Vater hatte massenhaft Bücher über Komponisten sowie Noten (Klassiker, nicht etwa Bartók, den „anerkannte“ er erst Jahrzehnte später).

8. Welche Erinnerungen haben Sie an das Musikleben Würzburgs vor und während des Studiums? Und an das Leben in Würzburg?

IS: Denken Sie bitte daran, dass es sich um die 50er-Jahre handelt, dass unsere Familie gerade erst unseren zwangsweisen vierten Stadtwechsel hinter sich hatte und unser Vater das Institut „wieder aufbauen“ musste, und nicht um eine Zeit, in der es ein „Musikleben“ gab. Alles lag am Institut noch in Trümmern und es mussten Kollegen engagiert werden, von denen auch noch zwei nacheinander starben. Ich erinnere mich an den (heute würde man sagen) „Starschüler“ meines ersten Lehrers, wie er auf dem Fahrrad zum Judenbühlweg fuhr, die Geige auf dem Rücken in einem leinenen Rucksack! Heutzutage sind die Rucksäcke aus Kunststoffmaterialien und formstabil – ein gewaltiger Gebrauchsunterschied. Also vor meinem Studium war ich noch gar nicht in Würzburg, sondern in Braunschweig (wo der dortige Geigenlehrer mir das Musikstudium vorschlug. Er besorgte mir auch eine einigermaßen passable Geige…) Das Leben in Würzburg? Wir wohnten die ersten Jahre in einem Haus in zwei verschiedenen Stockwerken, wo eben was frei war, und statt das städtische Musikleben zu beobachten normalisierte sich nach und nach das Dasein unserer Familie – nebenbei: in Armut.

9. Welchen Studienabschluss haben Sie gemacht?

IS: Mein Studienabschluss war „Privatmusiklehrer“: an Mittelschulen konnte ich damit unterrichten. Für „Schulmusik“ hätte ich z.B. nach München gemusst, um zwei weitere Fächer an der Uni zu studieren, aber ich hatte kein Abitur. Wieso? Durch unsere ständigen Umzüge geriet meine Schulbildung durcheinander, denn damals begann das neue Schuljahr nicht überall im Herbst, sondern in manchen Städten nach Ostern. So kam es, dass ich z.B. nur wenige Monate Latein hatte (mein einziger Satz lautete: Avus cenat) und die Französische Revolution nie. Musste also aus solchen Gründen mal eine Klasse zurück! Wäre, um Abi zu machen, „zu alt“ geworden und bat meinen Vater, in Würzburg angekommen, sofort studieren zu dürfen. Ich sagte ihm: Zur Orchesterlaufbahn braucht man kein Abitur. Aber er wollte etwas „Sicheres“ für mich und zwang mich gewissermaßen dazu, wenigstens das Privatmusiklehrerexamen zu machen.

10. Zu Ihren Mitstudierenden: An wen erinnern Sie sich besonders gut? Wie war das Miteinander in der Villa Völk?

IS:Den „Starschüler“ habe ich erwähnt. Er spielte das Rondo in h-Moll von Schubert, ein virtuoses Stück. Ich hörte ihn vor der Tür und bewunderte ihn. Auch das Perpetuum mobile von Paganini spielte er sehr schnell… Er sächselte unglaublich und schnitt beim Spielen grässliche Grimassen.

11. Wie verlief der Berufseinstieg? Und wie ging es danach weiter?

IS: Zwischendurch war ich 1 Semester in München, danach nochmals 1 Semester in Würzburg. Danach war ich im Kurorchester in Bad Brückenau. Vielleicht ist es ganz interessant, wie es dazu kam. Der Dirigent Walter Otto Boehm saß eines Tages auf der geschwungenen Holztreppe des „Kons“ und sagte, er suche jemanden, der Stehgeiger und Konzertmeister in Bad Brückenau machen könne. Er müsse die Kadenz der Operette Paganini von Franz Lehár spielen. Ich konnte sie spielen und bekam die Stelle… Dann folgte ein Probespiel beim Pfalzorchester, wo ich später 2. Konzertmeister wurde. (Heute heißt es Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz). Damals war der Dirigent Christoph Stepp, der jetzt in der Zeitschrift „Das Orchester“ als verstorben gemeldet wurde. [3] – Um über die (finanzielle) Verbesserung des Pfalzorchesters zu sprechen, erschien eines Tages der Rheinland-Pfälzische Ministerpräsident: Er hieß Helmut Kohl… Dann folgte ein Probespiel für das Stuttgarter Staatsorchester (Oper), das ich mit Erfolg bestand. Aus all diesem ist nun erhellt, dass es damals einen Musikermangel gab und dass die Verantwortlichen (vielleicht weil die Männer rar waren, aber natürlich auch, weil man nach einigen Nachdenken doch zu der Conclusione kommen musste, dass selbst Frauen nicht nur in die Küche und ins Kinderzimmer passen) eben notgedrungen Frauen einzuladen begannen. – Das 3. Mal, dass ich den Frauen Tür und Tor öffnete, war dann Bayreuth, wo ich 6 Sommer lang war. Dorthin kommt man durch Empfehlung, nicht durch Probespiele. Ich habe dort z.B. 1976 das Jahrhundertjubiläum des Rings (mit Regisseur Patrice Chéreau) mitgemacht sowie Tristan unter Kleiber, den wir ein paar Jahre in Stuttgart hatten. Ich erinnere mich: Nach dem 2. Akt Tristan gingen wir Geiger („taumelnd“) aus den Türen hinaus, da hörte ich von unten die Posaunisten auch aus der Tür kommen: Einer sagte zum Kollegen: „Heute Abend, da kommst mit, ich kenne ein Lokal mit einer Schweinshaxe…“!!!

12. Was heißt: Sie öffneten den Frauen Tor und Tür?

IS: Bedenken Sie doch mal, dass es zwar schon sehr früh ‚Frauenorchester‘ gab, meistens für Salonmusik – für etwas Besseres waren Frauen ja ungeeignet. So gibt es ein Foto eines Salonorchesters in Deutschland mit Alma Rosé als Stehgeigerin in der Mitte der Sitzenden. Aber Fanny Hensels Kompositionen wurden unter dem Namen ihres Bruders Felix veröffentlicht, wenn überhaupt. Es ziemte sich nicht für ein weibliches Wesen zu komponieren. Robert Schumann hat sich da gegenüber Clara anders verhalten… Nun aber zu den Orchestern. Dass mich das Pfalzorchester zum Probespiel einlud, muss ich nachträglich rühmen. Ob es mein hübsches Gesicht auf dem traditionell beigefügten Foto war? Ich ging dort weg, weil ich das Busfahren nicht vertrug (wir „bespielten“ die Pfalz). 1965 war ich die erste Frau im Stuttgarter Staatsorchester. Heutzutage sind in fast allen Orchestern Dutzende von Frauen, auch Bläserinnen. Dann kam Bayreuth, wo es auch noch nie eine Frau gegeben hatte. Ich habe also dreimal die Pforten geöffnet.

Bedenken Sie weiter, welche Gründe es seinerzeit gegen Frauen im Orchester gab:

Erstens: Sie verderben das Aussehen des Orchesters: Zwischen den eleganten Frackträgern könnte mal ein nackter Arm zu sehen sein!

Zweitens: Sie bringen das Klima durcheinander, machen mit Männern rum usw.

Die letzten ‚Männerbastionen‘ waren die Berliner und die Wiener Philharmoniker, bis Sabine Meyer in Berlin die Position der Soloklarinettistin bekam. Karajan wollte sie, das Orchester nicht. Der Vorwand lautete: Die hat doch als Frau keinen Atem. Sie spürte die Ablehnung, ging und wurde bekanntlich eine Berühmtheit mit eigenem Ensemble. Bleiben die Wiener. Und erst als die Stadt Wien den Philharmonikern mit Gehaltskürzungen drohte, wurden (wahrscheinlich zähneknirschend) Frauen engagiert.

Welche Erfahrungen ich gemacht habe? Ich war in den Orchestern immer beliebt, weil ich mich ganz normal fühlte und verhielt.

Redaktion: Marc Deml und Christoph Henzel

 

Fußnoten:

[1] Wilhelm Stross (1907-1966), ab 1934 Professor an der Akademie der Tonkunst in München, Primarius des Stross-Quartetts und Leiter des Stross-Kammerorchesters, ab 1951 Professor an der Hochschule für Musik in Köln, ab 1954 wieder in München.

[2] Vgl. dazu das Interview mit Burkhard Schmidt.

[3] Er starb am 2.7.2014. Er leitete von 1960-1980 das Pfalzorchester.

Irmtraut Schmidt Ristonchia

Irmtraut Schmidt auf dem Dach ihres Hauses in Ristonchia
(Quelle: Archiv der HfM Würzburg, Geschenk von Irmtraut Schmidt)

Schmidt IrmtrautMainpost 5.5.60

Besprechung in der Mainpost vom 5. Mai 1960

Schmidt Irmtraut Fränkisches Volksblatt 4.4.62

Besprechung im Fränkischen Volksblatt v. 4. April 1962