Interview mit Walter Lessing

Erinnerungen eines Studenten der Nachkriegszeit:
Walter Lessing im Gespräch mit Janosch Korrell

Vorbemerkung: Es handelt sich um eine gekürzte Fassung des am 18. Juni 2010 geführten Interviews. Der größte Teil des Gesprächs drehte sich um Walter Lessings Tätigkeit beim Südwestfunk (ab 1954). Die letzten beiden Fragen stellte Christoph Henzel; von ihm stammt auch das Nachwort.
Walter Lessing, geb. 1929 in Bensheim, lebte bis 1945 in Dresden. 1948 beendete er seine Schulzeit mit dem Abitur in Kulmbach. 1949-1953 studierte er am Bayerischen Staatskonservatorium der Musik in Würzburg (Hauptfächer: Violine und Komposition). Von 1954 bis 1990 war er in der Musikabteilung des Südwestfunks Baden-Baden tätig. So übernahm er zuerst die Redaktion für Kammermusik. Ab 1972 war er für Geistliche Musik zuständig. Nachdem er 1966 stellvertretender Abteilungsleiter geworden war, wurde er 1980 schließlich Leitender Redakteur. Walter Lessing ist am 1. November 2016 gestorben.

JK: Wann haben Sie am Staatskonservatorium studiert?

WL: Von September ’49 bis Juli ’53. Ich bin im September ’49 hierher gekommen. Das hatte mit Professor Hans Krasser zu tun, der zusammen mit Professor Willy Schaller den Bereich Violine betreute. Krasser kam vom Südwestfunk, wo er Konzertmeister gewesen war. Ihn lernte ich in Kulmbach kennen, wo ich die Nachkriegsjahre erlebte und meine letzten zwei Gymnasialjahre absolvierte. Dort begegnete ich ihm in einem privaten Kreise, in dem ich verschiedentlich als Violinspieler auftrat. Im Mai ’49 hatte ich die Chance, beim Musikfest in Coburg ein eigenes Werk aufzuführen, das damals rechten Anklang fand und meinen Vater überzeugte, mich doch Musik studieren zu lassen, nachdem ich zunächst ein Semester lang die Laufbahn eines Studienrats für Latein, Deutsch und Geschichte hatte einschlagen sollen.

So kam ich dann im September ’49 hierher nach Würzburg, wurde offiziell Student von Hans Krasser im Fach Violine und von Professor Franz Xaver Lehner im Fach Komposition. Dazu kam wie üblich die ganze Kette von Nebenfächern. Ich genoss eine gewisse Vorzugsstellung, einen speziellen Bekanntheitsgrad am Konservatorium, auch bei den Professoren, mit denen ich an sich nichts zu tun hatte. Dadurch sind mir die Namen auch noch alle in recht guter Erinnerung: Hermann Zanke für die Flöte, Eugen Gugel für die Oboe – er war zugleich der Chefbibliothekar des Konservatoriums –, Professor Richard Stegmann für die Trompete – er genoss ein hohes Ansehen, weil jeder wusste, dass er Solotrompeter bei den Berliner Philharmonikern unter Furtwängler gewesen war –, im Fach Geige wie gesagt Willy Schaller und Hans Krasser, Karl Bender für die Bratsche, Franz Fassbender für das Cello. Kontrabass war zunächst nicht besetzt, dann kam einer ins Amt, dessen Namen ich aber nicht mehr weiß. [1] Klavierlehrer war Karl Leonhardt, ein sehr kluger Mann, der sich damals besonders für die moderne Musik engagierte; dadurch hatte ich speziell zu ihm auch einen guten Kontakt, obwohl ich Klavier nur im Nebenfach studierte. Der andere Klavierlehrer war Heinz Knettel. Dann gab es Professor Rudolf Lindner für das Fach Horn. Der einzige Name, dem ich dauernd nachgrüble und der mir nicht einfällt, ist der des Klarinettisten. Ich weiß nur, dass er damals ein sehr angesehener Mann war. [2]

An der Spitze stand Professor Franz Rau. Er war ursprünglich Kapellmeister, ein sehr versierter Mann, vor allem natürlich auf dem Gebiet Oper, bei dem es also Operngeschichte und Dirigieren gab. Seine Stunden waren immer sehr anregend, weil er aus einem großen praktischen Wissen schöpfte. Er war meines Wissens Bayer.

Das Konservatorium befand sich damals im Judenbühlweg 9. Da war die Villa der Familie Völk, die hier ein besonderes Ansehen genoss und wohl auch eine gewisse hervorragende wirtschaftliche Stellung innehatte. Inzwischen habe ich gesehen, dass die Villa abgerissen ist und dem Sportinstitut hat Platz machen müssen. Dort vollzog sich auf relativ engem Raum das ganze Musik- und Ausbildungsleben. Eine besondere Rolle spielten die öffentlichen Auftritte des von Franz Rau geleiteten Hochschulorchesters. Ich erinnere mich an Konzerte im Kaisersaal der Residenz, der damals schon wiederhergestellt war. Das war vom Raum her etwas Besonderes. Und dann erinnere ich mich an Folgendes: Im Jahr 1951 beging die katholische Kirche die 1500-Jahrfeier des Konzils von Chalkedon. Dieses Ereignis feierte die Kirche unter anderem mit einem Festkonzert in Bad Brückenau. Und dazu war das Konservatoriumsorchester eingeladen. Das war damals, als die Reisemöglichkeiten sehr viel begrenzter waren, schon etwas Besonderes. Oder zum Beispiel lud im Januar 1951 Professor Rau eine Gruppe von Studenten, die besonderes Interesse hatten, zu einer Fahrt nach München ein. Wir waren, glaube ich, sechs oder sieben [3], um die „Antigonae“ von Orff zu hören. Das war damals sozusagen topaktuell, in einer sehr faszinierenden, wirklich aufregenden Inszenierung. Aber wir haben nicht nur den Orff, sondern auch noch ein oder zwei andere Opern gesehen. Wie gesagt, so etwas war etwas Besonderes.

Für die Fächer Musikgeschichte, Ästhetik usw. gab es Dr. Roland Häfner, der für den Bereich Musikwissenschaft zuständig war. Soweit das Personentableau.

JK: Wie war denn damals die Situation hier in der Stadt, als Sie hergekommen sind?

WL: Ich lernte Würzburg im Juli ’45 kennen, als ich ohne jede Ahnung hierher fuhr, um einen Professor Karl Witter – das war der Kontrabasslehrer am Konservatorium – aufzusuchen, weil mein Vater die Vorstellung hatte: Da man eh nicht weiß, wie es überhaupt weitergeht, ist vielleicht auf musikalischem Gebiet etwas zu machen. Ich fuhr hierher und stand vor einer völlig zertrümmerten Stadt, und der Herr Witter, der in einem Haus wohnte, das stehen geblieben war, sagte: „Sie sehen, wie es hier ist, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen, kommen Sie im Herbst noch mal!“ Und dann bin ich im Oktober noch mal gekommen, da war die Situation genauso. Als ich dann ’49 hier anfing, war Würzburg zaghaft im Wiederaufbau begriffen. Ich bin immer zwei Tage hier gewesen, von morgens bis abends, und habe in der Rotkreuzbaracke am Bahnhofsplatz übernachtet, die dort steht, wo jetzt die Straßenbahnhaltestelle ist und Pavillons aneinander gereiht sind. Da konnten Leute übernachten, die kein Quartier hatten. Später bin ich dann nach Würzburg gezogen und habe am Mittleren Dallenbergweg gewohnt, in einem Gebiet, das nicht zerbomt war, Richtung Heidingsfeld gelegen. Es hat schon ziemlich lange gedauert, bis Würzburg allmählich wieder erstanden ist. Damals wurde sehr viel improvisiert. Die Situation des Konservatoriums beleuchtet ja, wie es hier aussah. Um das Institut überhaupt weiterführen zu können, musste man in diese Villa ausweichen.

JK: Wie war damals der Alltag des Studenten? Wann ging es morgens los?

WL: Man begann um neun, halb zehn.

JK: Eine humane Zeit.

WL: Ja. Und es ging bis abends um sechs, halb sieben, was auch damit zusammenhing, dass viele von auswärts kamen und darauf angewiesen waren, ihren Zug zu erreichen. Natürlich waren auch der Zugverkehr und der Fahrplan nicht so dicht wie heute. Ich fuhr immer abends, zum Beispiel um halb acht, mit einem so genannten beschleunigten Personenzug zurück nach Kulmbach. Das dauerte drei Stunden, um halb elf kam ich dann in Kulmbach an. Andere fuhren nach Schweinfurt oder in andere Orte.

JK: Hatte man da dann Zeit zum Proben oder zum Üben?

WL: Nein, das musste man dann in den vier Wänden zu Hause tun.

JK: Nach halb elf noch?

WL: Das nicht unbedingt. Aber es hieß natürlich jeden Tag zu Hause üben und arbeiten. Als ich dann in Würzburg wohnte, aber kein Klavier in meinem Zimmer hatte, musste man gucken, wann man in der Hochschule ein Zimmer bekam, um Klavier üben zu können. Da spielte das Hausmeisterpaar eine sehr wichtige Rolle. Die hießen Wellinger. Er war eine Schlafmütze, aber sie war eine unglaublich resolute Person, vor der alle Respekt hatten und die den ganzen Laden schmiss. Mit ihr wollte sich keiner anlegen. Er saß immer wie ein sanfter Trottel in der Pförtnerloge. Dann gab es noch einen Diener, das war der Erlbeck, ein kleiner, sehr umtriebiger Mann, der toll war in seinem Fach. Der war Mädchen für alles. Das brauchte man auch, um schnell irgendwas richten, holen oder bringen zu lassen. Generell lässt sich sagen, dass dieser Betrieb sehr viel familiärer war, als er das heute sein dürfte.

Dieses ganztägige Studium absolvierte ich an zwei Tagen, mal Mittwoch und Donnerstag oder Dienstag und Mittwoch. Da wurde dann in den Fächern Klavier, Geige und Komposition mit dem Fachlehrer genau abgesprochen, wann man dran war.

JK: Und wie waren damals die Aufnahmebedingungen? Was musste man vorspielen?

WL: Also, ich hatte die Ehre, dass ich sozusagen ohne Examen, ohne Vorspiel, nur aufgrund der Empfehlungen aufgenommen wurde, die ich durch Herrn Krasser bekommen hatte. Außerdem eilte mir der Ruf von diesem Konzert in Coburg voraus. Insofern kann ich jetzt nicht beurteilen, welche Bedingungen zu erfüllen waren und wie das realisiert wurde. Aber generell glaube ich, dass man damals großzügiger war, allein im Blick auf die Zeitsituation, wo man überhaupt erst mal wieder einen Stamm an Studenten gewinnen wollte. Sie müssen überlegen: Es waren ja nicht nur Einheimische hier, sondern auch Flüchtlinge, junge Leute, die aus dem Osten kamen, und die auch irgendwie Fuß fassen und sehen mussten, wie ihre Eltern sich eine Existenz schaffen. Und das war, denke ich, generell sehr viel leichter im Vergleich zu heute. Es war eine ungeheure Aufbruchsstimmung, man fing ja sozusagen bei Null an. Sie müssen sich vergegenwärtigen, wie es 1945 aussah, um zu ermessen, welche Chancen sich auch für junge Leute boten. Wenn ich heute von den sozialen Problemen höre, von den Fragen der Festanstellung usw. – ich habe neulich einen erschütternden Bericht im Radio gehört, in der eine wissenschaftliche Mitarbeiterin sagte, dass ihr niemand irgendwo feste Verträge anbietet. Was das für soziale Auswirkungen hat! Insofern war das damals auch im musikalischen Bereich sehr viel leichter. Und jetzt ist ja auch die Konkurrenz ungeheuer groß geworden. Auch das spielte damals keine wirklich gravierende Rolle.

JK: Gab es denn da Möglichkeiten hier in Würzburg, um als Student Geld zu verdienen?

WL: Ja. Das Beste für mich war, dass ich einige Male im Würzburger Orchester habe mitspielen können. Robert Edenhofer war damals Kapellmeister. Es gab z.B. Dvořáks 9. Sinfonie, Regers Hiller-Variationen, Prokofjews 3. Klavierkonzert und andere Sachen. Da musste natürlich der Fachlehrer den Weg bahnen… Eine andere Möglichkeit war, auf einer der damals reichlich gebotenen kleinen kulturellen Veranstaltungen zu spielen. Da hatte irgendein Verein eine Feier und war glücklich, wenn er auf Studenten zurückgreifen konnte, die nicht teuer bezahlt werden mussten, weil diese wiederum glücklich waren, dass sie überhaupt ein bisschen Geld verdienten.

JK: Gab es auch Möglichkeiten jenseits der Kunstmusik, also mit Tanzmusik?

WL: Nein. Das lag uns völlig fern, das war ein anderes Genre. Sicher hat es das auch gegeben, aber damit hatten wir nichts zu tun. Uns engagierten Leute, die einen Bach oder Haydn oder so etwas als Umrahmung für eine Feier haben wollten.

JK: Wie hoch waren damals die Gagen für einen Abend?

WL: Vielleicht 30 DM, 20 DM. Wir waren ganz glücklich darüber. Ich weiß noch: Das Rote Kreuz hatte uns mal für irgendeine Sonntagsfeier um elf engagiert. Wir nutzten eben jede Gelegenheit.

JK: Kennen Sie Komponisten oder andere Musiker aus der Zeit, die noch leben?

WL: Nein. Hermann Zilcher, sozusagen der Matador des Staatskonservatoriums, lebte damals schon nicht mehr, aber er wurde hier hoch gehandelt. Ich glaube, heute ist der Name völlig vergessen, außer in Würzburg. Natürlich habe ich während des Studiums etliche Komponisten jenseits der berühmten Namen wie Hindemith, Strawinsky, Bartok, Schönberg usw. kennen gelernt. Alles Namen, nach denen heute kein Mensch mehr fragt. Sagen Ihnen Namen wie Hermann Grabner oder Kurt Hessenberg etwas? Das waren Leute, die damals viel gespielt wurden. Selbst ein Mann wie Wolfgang Fortner, der auch als Kompositionslehrer einen großen Namen besaß – Henze war ja sein berühmtester Schüler –, taucht kaum noch auf. Das war einer der führenden deutschen Komponisten der Nachkriegsjahre, Jahrgang 1907. Der machte in den Nachkriegsjahren Furore, den habe ich auch gespielt. Aber an diesen Dingen sehen Sie, wie viel an eine bestimmte Epoche gebunden ist. Namen kommen und verschwinden wieder, andere kommen usw. Und selbst von denen, die jetzt en vogue sind, wissen Sie auch nicht, wer in 20, 30 Jahren noch danach fragt. Das ist halt so.

JK: Wie ging es weiter, nachdem Sie studiert hatten?

WL: Ich war nach dem Studium noch hier tätig, habe mich im Orchester durchgeschlagen, hatte eine Stelle an der Universität in der damals still liegenden musikwissenschaftlichen Abteilung, die von einem Professor betreut wurde, der vom Fach her Französisch-Spezialist war, der aber die Aufgabe der Verwaltung dieser Abteilung übernommen hatte. Durch ihn bekam ich eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft. Das habe ich ein Vierteljahr lang gemacht und dann geschah diese glückliche Wendung, durch die ich zum Südwestfunk gekommen bin.

CH: Wusste man, dass die älteren Professoren (Bender, Eichler, Faßbender, Gugel, Knettel, Stegmann, Steinkamp, Witter und Zanke) in der NSDAP gewesen waren und dass Lindner und Schaller von den Nazis entlassen worden waren, dass Schaller im Gefängnis gewesen war? Hat man über die unmittelbar zurückliegende Vergangenheit gesprochen? Auch über Zilchers und Hanns Schindlers Rolle darin?

WL: Über die unmittelbar zurückliegende Vergangenheit, d.h. über NS-Zeit, Krieg und Nachkriegszeit wurde, so weit ich mich erinnern kann, wenig oder gar nicht gesprochen, jedenfalls höchstens im Zusammenhang mit irgendwelchen alltäglichen Gegebenheiten oder Notwendigkeiten. Gespräche im Sinne einer bewussten politischen Diskussion und Aufarbeitung, wie sie ja generell auch erst später richtig einsetzte, sind mir nicht erinnerlich. Insofern spielte auch die Frage keine Rolle, ob die älteren Professoren (die von Ihnen genannten Namen) Mitglieder derNSDAP bzw. inwieweit sie dem NS-System verbunden waren. Dass Hermann Zilcher in der NS-Zeit rechtes Ansehen genoss, war allerdings ebenso bekannt wie die Tatsache, dass eine Wiedereinstellung von Hanns Schindler nach 1945 nicht erfolgte wegen seiner besonders engen Verbindung zur NSDAP. Natürlich wusste man auch, dass die Herren Lindner und Schaller politisch verfolgt waren, dass Herr Schaller sogar im KZ inhaftiert war. [4]

Durch meine Frau – geb. Gertrud Danda –, die bei Schaller studierte, bestand noch Kontakt mit ihm und seiner Frau bis in die frühen 1970er Jahre; er starb ja meines Wissens in sehr hohem Alter.

CH: Welche Rolle spielte im Studium die zeitgenössische bzw. Neue Musik? Wenn ich die Jahresberichte des Staatskonservatoriums aus der Zeit um 1950 herum durchblättere, dann lese ich Folgendes: 1948/49 gab es „8 Abende mit moderner Musik“ (viel Hindemith, aber auch Franz Xaver Lehner), 1950 gab es „Bayerische Komponisten der Gegenwart“, einen „Kompositionsabend F. X. Lehner“, von Ihnen wurde eine Violinsonate, eine Klaviersonatine und eine Sonate für Violine solo aufgeführt (Helmut Seemann und Günther Schmidt waren auch in einem Konzert am 19. April 1950 vertreten); es gab einen „Arbeitskreis für neue Musik“, 1951 Gedenkfeiern für Arnold Schönberg, 1952 eine Gedenkfeier für Hermann Zilcher, außerdem einen Vortrag von Roland Häfner über Zwölftonmusik, 1953 in einem Kammermusikabend am 17. Juni eine Uraufführung von Walter Lessing: die 2. Violinsonate, Maria Baumann begleitete Sie am Klavier; im selben Jahr spielte sogar ein „Unterhaltungsorchester“ auf … Wie wurde in Ihrer Klasse bei Lehner über Zwölftonmusik und serielle Musik gesprochen? Wussten Sie, was in Darmstadt zu dieser Zeit geschah?

WL: Zeitgenössische bzw. Neue Musik war während meiner Studienjahre immer präsent, allerdings in unterschiedlichem Maße. Das hing vom Engagement des jeweiligen Fachlehrers ab. Wenn derartige Veranstaltungen geplant waren, bildete das natürlich eine Motivation in den Klassen, sich mit entsprechenden Vorschlägen zu beteiligen. Eine besondere Rolle spielte dabei naheliegenderweise die Kompositionsklasse von Herrn Lehner. Stilistisch war man dort weitgehend an einer traditionsbestimmten ‚Klassizität‘ à la Strawinsky, Bartók, Hindemith, die nach 1945 zunächst im Zentrum der Wiederentdeckung standen, orientiert. Schönbergs Zwölftonmusik spielte vorerst noch eine gewisse Außenseiterrolle. Selbstverständlich wurde bei Herrn Lehner auch über diese Kompositionstechnik gesprochen. Da sie aber für ihn persönlich kompositorisch nicht relevant war, bildete sie keinen Unterrichtsgegenstand; er hatte jedoch nichts dagegen, dass ich mich in einer kurzen Phase selbst damit befasste. Im Übrigen setzte ganz allgemein die intensive Beschäftigung mit der Zwölftontechnik und deren zunehmender Niederschlag im Schaffen vieler Komponisten recht eigentlich erst nach Schönbergs Tod ein. Das spiegelte sich deutlich auch in einer entsprechenden Umorientierung der Darmstädter Ferienkurse. Natürlich wusste ich allzeit, was in Darmstadt geschah, sei es durch Gespräche, sei es durch einschlägige Informationen, insbesondere durch regelmäßige Lektüre der Zeitschrift ‚Melos‘, die ich abonniert hatte.

(Im Jahre 1956 erlebte ich dann im Auftrag des Südwestfunks Darmstadt sozusagen hautnah. Da war es schon dabei, auf dem Wege der inzwischen erfolgten Webern-Orientierung zu einem Mekka des Serialismus strenger Observanz zu werden…)

Schließlich noch eine Bemerkung zu dem von Ihnen erwähnten „Unterhaltungsorchester“: Dass es so etwas während meiner Studienzeit gegeben hat, ist mir nicht bekannt. Es muss sich wohl um eine Gründung späterer Jahre handeln?

Nachwort

Walter Lessing wurde vom Direktor Prof. Franz Rau sehr geschätzt. So schrieb Rau über den Studenten in einem Bericht für das Staatsministerium für Unterricht und Kultus vom 19. September 1949 über die Aufnahmeprüfungen für das Studienjahr 1949/50 Folgendes: “Wirklich beachtenswerte Begabungen, wie z.B. der für Komposition und Geiger heuer angenommene junge Walter Lessing, dessen Werke (Violinsonate und dergl.) anlässlich der ‚Zeitgenössischen Musikfesttage in Coburg‘ schon allgemeines Aufsehen erregten, zählen allerdings nach wie vor zu den großen Seltenheiten.” [5] Knapp 10 Monate später, am 7. Juli 1950, berichtete Rau an das Staatsministerium über die Abschlusskonzerte des zurückliegenden Studienjahrs:

„Überraschend gut war dann der zweite zeitgenössische Abend besucht – ein Abend mit Werken von Hindemith, Strawinsky und einer Violin-Solosonate des ausserordentlich begabten, m. E. nach sehr zukunftsreichen Studierenden Walter Lessing, eines Schülers von Hans Krasser und Franz X. Lehner.” [6] Lessing erinnert sich im Nachhinein, nach dem Konzert von Rau spontan zum Konzertmeister des Konservatoriumsorchesters ernannt worden zu sein. [7]

Die Bedeutung der Münchener Exkursion vom 13.-17. Januar 1951 für die Studierenden wird anschaulich durch ein Dankesschreiben, das Ingeborg Laske stellvertretend für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Dr. Roland Häfner eingeschlossen, am 24. Januar an Franz Rau richtete:

„Wohlbehalten, glücklich und vollgepackt mit neuen Eindrücken sind wir ‚12 Münchener‘ wieder im Hafen unseres Konservatoriums gelandet. So wenig wir alle zunächst an ein Zustandekommen dieser Reise glaubten, so sind jetzt alle Gedanken rückwärts gerichtet. Was haben wir in diesen ach so kurzen fünf Tagen aber auch alles gesehen, gehört und erlebt. Ganz gleich, ob das ‚Was ihr wollt‘, ‚Viel Lärm um nichts‘, ‚Don Giovanni‘ oder gar die ‚Antigonae‘ war, keines dieser Werke ist ohne starken Eindruck an uns vorübergegangen. Im Gegenteil, jedes Wort, jede Note, jede Geste ist von uns aufgesogen worden wie von einem Schwamm. Auch die Besuche im Haus der Kunst, im deutschen Museum, in der städtischen Musikbibliothek und der städtischen Instrumentensammlung haben in uns unvergessliche Eindrücke hinterlassen. Kaum einer von uns ist bisher in der Lage gewesen, solche Ausstellungen und Sammlungen zu besuchen. Keiner aber hatte bis heute die Gelegenheit, solche Werke in solch ausgezeichneten Aufführungen zu sehen und zu hören. Gewiss, wir wissen ganz genau, dass man in einer mittleren oder gar einer Kleinstadt unmöglich eine Darstellung von solcher Vollendung herausbringen kann. Jede Stadt, jedes Theater hat seinen Rahmen, über den es nun einmal nicht hinaus kann. Aber wie wichtig es gerade für uns Studierende ist, auch einmal eine Aufführung zu erleben, die kaum einen Wunsch offen lässt, das konnten wir Zwölf in München sehen. Durch diese Reise haben wir endlich einen Blick für Maßstäbe bekommen. Wir werden von jetzt ab viel eher eine schlechte von einer mittelmäßigen oder guten Aufführung unterscheiden können, wir werden aber vor allem auch in der Kritik an uns selbst viel schärfer werden. Wir haben nun einen Begriff, was man von uns verlangen wird, wenn wir das schützende Konservatorium verlassen haben werden. So manchem von uns ist wohl zunächst der Mut zum Weiterstudium gesunken, angesichts derartiger Leistungen. Dann aber hat doch die Begeisterung gesiegt, und das Erlebnis all dieser Werke hat uns allen einen solchen Schwung gegeben, dass wir eine lange Zeit davon zehren werden und wir unser Studium mit dem Einsatz von Begeisterung und Verantwortung fortführen werden. Wenn uns Mut und Zuversicht einmal gänzlich verlassen wollen, werden wir immer an München und vor allem an die ‚Antigonae‘ denken. – ‚Antigonae‘ – ein Wort, bei dem jeder von uns die Vorstellung einer untrennbaren Einheit von Werk und Wiedergabe hat. Selten ist wohl ein Werk in einer Aufführung so zusammengeschweißt gewesen wie dieses. Hier steht nicht die Sprache neben der Musik, sondern Ton, Wort, Geste, Bild, all das fließt ohne Bruch ineinander. Dazu kommen noch die wohl kaum zu überbietenden Leistungen der Ausführenden.

Wir ‚12 Münchener‘ möchten nun an dieser Stelle unserem verehrten Herrn Direktor unseren tiefsten Dank dafür aussprechen, dass er uns diese Reise ermöglicht hat. Für den Höhepunkt dieses Münchener Aufenthaltes danken wir aber ganz besonders herzlich dem bayer. Staatsministerium für Unterricht und Kultus, das uns die Möglichkeit gab, die ‚Antigonae‘ in einer solch meisterhaften Aufführung zu erleben.

Hoffentlich können viele Studierende Gleiches oder Ähnliches während des Studiums erleben. Wir selbst wünschen uns selbstverständlich, dass wir recht bald wieder eine solche Kunstfahrt unternehmen können.

i. A. Ingeborg Laske” [8]

Der Erfolg bewog Rau, am 5. April 1951 eine weitere Exkursion anzubieten; sie galt der Aufführung von Carl Orffs ‚Der Mond‘ und ‚Die Kluge‘ in Nürnberg.

Redaktion: Christoph Henzel und Janosch Korrell

 

 

Fußnoten:

[1] Tatsächlich war von Anfang an mit Prof. Karl Witter ein Kontrabassist am Haus.

[2] Gemeint ist Gustav Steinkamp.

[3] Tatsächlich nahmen an der Exkursion neben Lessing 10 Studierende teil: Maria Baumann, Gertrud Danda, Karl Haus, Siglinde Katzenberger, Ingeborg Laske, Ronald Lintner, Renate Löffler, Helmut Seemann, Elisabeth Schreck und Erika Zeuner.

[4] Tatsächlich befand sich Schaller vom 30. Oktober 1944 bis 25. April 1945 in Haftanstalten in Würzburg, Ebrach und Straubing. Auf dem Fußmarsch nach Dachau wurde er am 1. Mai 1945 von amerikanischen Soldaten befreit.

[5] Staatsarchiv Würzburg, HfM Würzburg 1.

[6] Ebd. Bei dem erwähnten Konzert am 16. Juni im Gartensaal der Residenz erklang neben Lessings Sonate Hindemiths 2. Klaviersonate (Interpretin: Ilse Uhlig) und Stravinskijs Konzert für 2 Klaviere (Interpretinnen: Elisabeth Schreck und Ilse Uhlig).

[7] Briefliche Mitteilung vom 8. Dezember 2010.

[8] Staatsarchiv Würzburg, HfM Würzburg 1.

Walter Lessing Foto Armin Fuchs

Walter Lessing
(Foto: Armin Fuchs)