Die Lyra über dem Eingang des Gebäudes in der Hofstallstraße

Die über dem Eingang angebrachte Lyra sticht stilistisch deutlich in der Umgebung heraus. Es handelt sich dabei um das einzige Architekturelement aus dem 1945 zerstörten Vorgängergebäude am Paradeplatz, welches aufbewahrt und 1984 nachträglich an dem Neubau angebracht wurde.  Genauere Informationen dazu, insbesondere zur Deutung des Bildprogramms, geben zwei im Archiv der Hochschule überlieferte Schriftstücke.

(1.) Am 4. Oktober 1984 wandte sich der damalige Präsident Bertold Hummel mit folgendem Schreiben an die Mitarbeiter der Hochschule:

"Sehr geehrte Damen und Herren,

beim Betreten durch den Haupteingang wird künftig allen Mitgliedern und Besuchern der Hochschule das über dem Portal angebrachte sogenannte Lyrafenster ins Auge fallen. Da Sie dessen Herkunft, Bedeutung und Bezug zur Hochschule sicher interessieren wird, darf ich Ihnen hierzu einige Hinweise geben. Wie Sie sicher wissen, wurde im Jahre 1804 in Würzburg die damit älteste Musikausbildungsstätte Deutschlands gegründet. Aus der „Öffentlichen Musikanstalt an der churfürstlichen Julius-Universität zu Würzburg“, der späteren „Königlichen Musikschule“ und dem „Bayerischen Staatskonservatorium der Musik Würzburg“ wurde in einer nahtlosen Entwicklung die heutige „Hochschule für Musik Würzburg“, die folgerichtig daher auch im Jahre 1979 ihr 175-jähriges Bestehen feierte.

Bereits im Jahre 1813, also in der Regierungszeit des Großherzogs Ferdinand von Toscana, erhielt die Vorgängereinrichtung einen eigens für die aufzunehmende Einrichtung konzipierten Neubau am Dom. Geplant und errichtet wurde das Gebäude von einem „der wenigen bedeutenden deutschen Architekten der napoleonischen Ära“ (Reitberger), dem aus Mannheim gebürtigen großherzoglichen Landbaumeister Peter Speeth (von ihm stammt übrigens auch das noch erhaltene ehemalige Frauenzuchthaus im ägyptischen Stil neben der Burkarderkirche). Bis 1945, also weit über 100 Jahre, war dann das Institut in dem genannten Gebäude am Dom untergebracht. Bei der großen Brandkatastrophe am 16. März 1945 als Folge der Bombardierung brannte auch das alte Konservatorium aus und wurde 1949 abgerissen. Was einzig blieb, ist das seinerzeit abgenommene sogenannte Lyrafenster, nach Heiner Reitberger „die einzige erhaltene Großplastik der Toscanazeit, und allein deswegen schon historisch von besonderem Wert“. Wie Sie sich sicher erinnern, befand sich das Lyrafenster früher links neben dem Hofeingang, wobei allerdings die Schauseite dem Saalgebäude zugekehrt war. Nachdem bedingt durch den Umbau das Lyrafenster eingelagert werden mußte, fanden seitens der Hochschule und des Landbauamtes Überlegungen statt, ob es nicht durch die Wahl eines neuen Standortes einen seiner architektonischen, kunsthistorischen, aber auch ideellen Bedeutung gemäßeren Platz erhalten könnte. Der nunmehr verwirklichten Entscheidung lagen vor allem folgende Gesichtspunkte zugrunde: Die Plastik war von Speeth bezüglich ihres inhaltlichen Aufbaues und der Größenmaßstäbe nicht für eine ebenerdige, sondern hohe Anbringung (im oberen Stockwerk der zu bauenden Musikschule am Dom) geplant worden. Folglich war für eine Wiederaufstellung ebenfalls eine Anbringung über dem Straßenniveau anzustreben, um die perspektivischen Vorgaben zumindest annähernd zu erreichen. Vor allem aber sollte eine feste Anbindung des Lyrafensters an das Gebäude der Musikhochschule an einer besonders markanten Stelle - wofür sich der Eingangsbereich geradezu exemplarisch anbot - einen wichtigen symbolischen Bezug zwischen der ersten deutschen Musikschule und ihrer Nachfolgeeinrichtung herstellen und damit sinnfällig und nachdrücklich die Kontinuität der Hochschule für Musik über nunmehr fast 200 Jahre dokumentieren.

Bezüglich des Inhalts und der Bedeutung der Ornamentik sind wir auf Mutmaßungen angewiesen, weil Speeths Vorstellungen und verfolgte Absichten nicht überliefert sind. Nach Heiner Reitberger könnte es sich um eine symbolische Darstellung der Arion-Sage handeln: Der mythische Dichter und Musiker geriet auf See in Gefahr, von Seeleuten aus Habgier ermordet zu werden, erbat sich, noch einmal singen zu dürfen, stürzte sich mit erhobener Kithara ins Meer und wurde von einem Delphin gerettet. Hierauf deutet der Kopf (Arion) und die beiden Delphine hin, die mit ihren Leibern den Körper einer Kithara bilden, die im Gegensatz zur formverwandten Lyra in Griechenland von Berufsmusikern und Virtuosen verwandt wurde. Allerdings könnte das Fenster nach Auffassung von Heiner Reitberger auch den Phoibos Apollon, den Gott des Lichtes und der Musik darstellen, wie er auch auf einer Hydria (Wasserbehälter in Vasenform) dargestellt ist, auf einem geflügelten Dreifuß sitzend über das Meer schwebend und dabei die Kithara schlagend. Zwei musikliebende, dem Apollon heilige Delphine geleiten ihren Gott. Ganz besonders interessant scheint mir aber noch die Auffassung Reitbergers zu sein, daß die beiden Delphine auf unserem Fenster nicht nur den Körper einer Kithara oder Lyra darstellen, sondern gleichzeitig auch noch Blasinstrumente symbolisieren: „Diese (die beiden Delphine) haben weit aufgerissene Mäuler, sie „tönen“, und anstelle der Schwanzenden kleinere Köpfe, die eindeutig als Mundstücke zu lesen sind, d. h. die beiden Delphine sind Blasinstrumente, denen paradox surrealistisch die Rolle zugewiesen ist, zusammen ein Saiteninstrument zu bilden, das der (größeren) Kithara mindestens so gleicht wie der (kleineren) Lyra.“ Diese bezwingende Überlegung weitergedacht und den Kopf des Apoll oder Arion als Symbol des Gesanges gesehen, würde bedeuten, daß die Plastik eine Verbindung herstellt zwischen Saiten- (Streich-)Musik, Blasmusik und Gesang."

(2.) Die von Hummel als Quelle genutzten Ausführungen des Journalisten und Denkmalschützers Heiner Reitberger, die auf den 16. Dezember 1982 datiert sind und den Titel "Zum Lyrafenster des Peter Speeth" tragen, machte er durch Aushang öffentlich:

"Peter Speeth, geboren 1772 in Mannheim, gestorben 1831 in Odessa, ist einer der wenigen bedeutenden deutschen Architekten der napoleonischen Ära. Über Deutschland hinaus Fachleuten jetzt ein Begriff durch die international beachtete Ausstellung französischer „Revolutionsarchitektur“ der Kunsthalle Baden-Baden von 1970. Bayerische Architektur- und Kunsthistoriker wollen, wie ich erfuhr, in den nächsten Jahren Speeth und sein Werk öffentlich bekannter machen.

Aus Amorbach, wo er im Dienst des Fürsten Deiningen gestanden hatte, kam Speeth als „Landbaumeister“ an den Hof des Großherzogs Ferdinand von Toscana zu Würzburg. Hier entwarf er während der kurzen Regierungszeit Ferdinands (1806-1814) zwei ausgeführte Monumentalbauten, das Frauenzuchthaus, heute „Haus der Jugend“ an der Burkarderkirche (1809/10) und die Musikschule am Dom (l8l3), die 1945 nur ausbrannte und leider dennoch 1949 abgerissen wurde. Der letzte Überrest dieses alten Konservatoriums, das sog. Lyrafenster, ist die einzige erhaltene Großplastik der Toscanazeit, und allein deswegen schon historisch von besonderem Wert. Originalität und Freiheit der bildnerischen Erfindung machen die Sandsteinskulptur aber zu einem singulären Kunstdenkmal. Als solches wäre das Lyrafenster zu analysieren. Ohne dem vorzugreifen, möchte ich einige Beobachtungen und Überlegungen mitteilen.

1827, als Speeth versuchen mußte, sein Brot mit Zeichenunterricht zu verdienen, annoncierte er als einen der Lehrgegenstände in der Zeitung: „Ornamente aller Art, welche mit der Architektur in Verbindung stehen, sowie auch die zur Auszierung der Fassaden nötigen Figuren en bas reliefs“. Die Ornamentik des Empirestils mit ihren griechischen und ägyptischen Elementen war ihm geläufig, sein Umgang mit diesen Elementen freilich sehr selbständig. Das Lyrafenster ist mehr als ein Stück additiv ornamentaler Fassadenzutat. Es „hing“ optisch vom Kranzgesims herab wie ein Teppich, ganz hoch, und neben und unter ihm war nichts als geschlossene, förmlich abstürzende Steinwand. Das plastische Gebilde war ähnlich isoliert in der Fläche wie an der Fassade des Frauenzuchthauses die kleine Tempelfront, die nach Richard Hamann „einsam...steht, fern, unerreichbar, ein Ziel der Sehnsucht und ein Bild der Verlorenheit“. „...nicht bauliche Wirklichkeit, nicht einmal ein Schmuck, denn sie zieht das Auge ganz auf sich. Sie hat die Realität des Traumes“. Das Lyrafenster, kein bloßer Schmuck demnach, war Bestandteil von „Sprechender Architektur“, „architecture parlante“, der Speeth ja mit gutem Grund zugerechnet wird. Keine Zusammenstellung gängiger Musik-Symbole, sondern eher Symbolismus, nämlich ein Versuch, das eigene Empfinden von Musik - und die eigene Reflexion über Musik schlechthin - darzustellen, mit einer Methode, die dem Verfahren der ersten Surrealisten ähnelt: unerwartetes, überraschendes Nebeneinanderplazieren bzw. Austauschen von Heterogenem, zumal von Natur und Artefakt. Noch etwas sei angemerkt. Zur gleichen Zeit wie das Lyrafenster entstanden wesentliche Werke z. B. Beethovens. Trotz der gebotenen Vorsicht beim Parallelsetzen von Phänomenen der Musik und der bildenden Kunst, und ohne unpassenden Qualitätsvergleich darf man doch konstatieren: auch bei Speeth ist, grob gesagt, klassizistisch die Große Form, romantisch das egozentrische Disponieren des gegebenen Formenvorrats.

Ob Speeth beim Entwerfen des Lyrafensters ein episches Muster vorlag, darüber müßte länger nachgedacht werden. Immerhin fällt mir ein, daß den Gebildeten nicht nur im späten 18. Jahrhundert, sondern noch in der Frühromantik die Arion-Sage gegenwärtig war (im Garten des Julianums, in nächster Nähe der heutigen Musikhochschule, gab es einen Arion-Wandbrunnen von Wolfgang Auwera, dessen Überrest, der Torso des Arion, beim Wiederaufbau verschwand, und Arion-Dichtungen gibt es u. a. von Schlegel und Tieck). Der mythische Dichter und Musiker aus dem 7. Jahrhundert v. Chr., Erfinder des Dithyrambus, geriet auf See zwischen Tarent und Korinth in Gefahr, von Seeleuten aus Habgier ermordet zu werden, erbat sich, noch einmal singen zu dürfen, stürzte sich mit erhobener Kithara ins Meer und wurde gerettet von einem Delphin, der ihn beim Vorgebirge Tänaron an Land trug. Der Kopf im Unterteil der Fensterbrüstung könnte sich auf diese Sage beziehen, ebenso natürlich die beiden Delphine. Diese haben weitaufgerissene Mäuler, sie „tönen“, und anstelle der Schwanzenden kleinere Köpfe, die eindeutig als Mundstücke zu lesen sind, d.h. die beiden Delphine sind Blasinstrumente, denen paradox surrealistisch die Rolle zugewiesen ist, zusammen ein Saiteninstrument zu bilden, das der (größeren) Kithara mindestens so gleicht wie der (kleineren) Lyra.

Der Kranz aus Rosen oben, die Tierleiber, der Menschenkopf - die ganze Natur geht auf in Musik. Warum ist der Kopf, der zu Arion, aber auch zu Apoll (eher als zu Orpheus) gehören könnte, ganz unten? Wahrscheinlich nicht zuletzt, weil das Fenster in extrem steilem Aufblick von unten her betrachtet werden mußte, denn die Domsepultur mit dem Konzertsaal im Oberstock stand sehr nah bei der Wand des Lyrafensters. Der Hinaufblickende nahm also den Kopf vor allem wahr, und er nahm auch wahr, was leider bei der Restaurierung der Plastik nicht ergänzt wurde und nun bei Neuaufstellung unbedingt zu ergänzen ist: der gegenwärtig nicht vorhandene Kopfputz - wenn ich mein Foto nicht falsch entziffere, waren es zwei Rosen - ging über in ein großes Akanthusblatt, das die Lücke zwischen den beiden Delphinköpfen bedeckte und damit das ganze Gebilde im wahren Sinn des Wortes zusammenfaßte. Der geniale, der Genius-Kopf ist es also, aus dem alles Obere kommt, nämlich die Musik. Die Macht, den Triumph der Musik könnten die beiden Palmzweige bedeuten. Da Speeth jedoch, wie die architecture parlante überhaupt, zum Lehrhaften neigte, möchte ich die Deutung: Palmen als Preis der Anstrengung, des Übens, des Studiums nicht ausschließen."