Interview mit Dr. Beate Carl

Kurzbiographie von Dr. Beate Carl

  • Besuch des Matthias-Grünewald-Gymnasiums in Würzburg
  • 1979 bis 1983 Studium an der Musikhochschule Würzburg im Doppelfach Musik Lehramt an höheren Schulen
  • 1984 Studium in den USA an der State University of New York at Stony Brook
  • 1985 bis 1987 Referendariat
  • Ab 1986 Promotionsstudium mit dem Hauptfach Musikwissenschaft und den Nebenfächern Philosophie und Archäologie
  • Aufnahme in die Studienstiftung des Deutschen Volkes
  • 1992 Promotion mit einer Arbeit über das späte Orchesterwerk von Olivier Messiaen
  • Seit 1989 im Schuldienst an verschiedenen Gymnasien in Würzburg

 

Das Gespräch wurde am 13. November 2018 geführt. Die Fragen stellte Prof. Dr. Christoph Henzel (CH).

CH: Sie haben 1979 begonnen, an der Hochschule für Musik Würzburg zu studieren. Was hat Sie zur Schulmusik geführt?

BC: Ich besuchte das musische Gymnasium hier in Würzburg, das Matthias-Grünewald-Gymnasium. Da habe ich mir eingebildet, dass ich unbedingt Musik studieren müsse und dass mein Glück davon abhinge. Mein Vater war da anderer Ansicht. Er sagte mir: Nutze dein gutes Abitur und studiere Zahnmedizin. Damit verdienst du dein Geld einfacher, womit er vermutlich Recht hatte…Damals war ich allerdings vollkommen fixiert darauf, Musik zu studieren. Ich hätte auch andere Studienfächer mit Erfolg absolvieren können, aber ich wollte unbedingt Musik studieren.

CH: Wollten Sie von vornherein in den pädagogischen Bereich oder doch eigentlich lieber in den künstlerischen?

BC: Ich war zwar eine ordentliche Pianistin, aber sicherlich niemand, der mit irgendeiner Konzerttätigkeit sein Geld hätte verdienen können. Da war ich sehr realistisch. Das war für mich klar, irgendwie überleben wollte ich schon auch. Und natürlich hat mir an der Schulmusik gefallen, dass es eben nicht nur ein rein instrumentales Studium gewesen ist. Das wäre mir intellektuell ein bisschen zu langweilig gewesen. Jeden Tag ausschließlich sechs Stunden üben, das hätte ich nach einem Jahr aufgegeben. Die Breite des Studiums hat mich sehr gereizt.

CH: Als Sie dann an der Hochschule waren, hat sich die Hoffnung auf Vielfalt erfüllt?

BC: Ja, das kann man schon sagen. Gut, da gibt es natürlich immer Veranstaltungen, die der eine Student für überflüssig hält, der andere aber ganz hervorragend findet. Das mag sein, aber die Breite war auf jeden Fall gegeben.

CH: Können Sie sich noch an die Aufnahmeprüfung erinnern?

BC: Ja, das war im Vergleich zu allen anderen Studiengängen schon eine große Hürde. Damals haben sich, so glaube ich, 80 Bewerber angemeldet. Nur 20 davon sind aufgenommen worden.

CH: Was mussten Sie in der Aufnahmeprüfung zeigen?

BC: Ich habe im Hauptfach Klavier den ersten Satz der Beethoven-Sonate op. 2, Nr. 3 gespielt; dann von Chopin die Revolutionsetüde, die, wie ich allerdings sagen muss, für meine pianistischen Möglichkeiten etwas zu anspruchsvoll war. Dann von Schumann ein kürzeres Stück, ich kann mich nicht mehr erinnern, aus welcher Sammlung es stammte, dazu von Johann Sebastian Bach aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers Präludium und Fuge in cis-Moll. Dann musste ich noch Violine vorspielen. Da habe ich wahrscheinlich eine barocke Sonate gespielt, was man so im Nebenfach spielt. Dann waren da noch eine Gesangsprüfung und weitere Prüfungen in Tonsatz, Gehörbildung, Allgemeine Musiklehre und Vom-Blatt-Singen. Das dürfte es ungefähr gewesen sein.

CH: Gab es auch so etwas wie eine pädagogische Prüfung beziehungsweise ein Gespräch dazu?

BC: Nein, das gab es nicht.

CH: Es war also eine rein künstlerische Aufnahmeprüfung.

BC: Genau.

CH: Wie lief es dann im Studium? Wer waren ihre Lehrer? Können Sie sich an prägende Persönlichkeiten erinnern?

BC: Ich hatte zuerst Unterricht bei Julian von Károlyi. Er war damals an der Hochschule der bekannteste Pianist und war hauptsächlich zuständig für Studenten der Meisterklasse. Für mich als Schulmusikerin war der Anspruch zu hoch. Ich hätte eigentlich jemanden gebraucht, der mir ab und zu Fingersätze in die Noten schreibt oder mir übetechnisch Manches erklärt. Er war ein sehr freundlicher Mensch, aber er war für mich nicht der richtige Lehrer. Schließlich habe ich mit großen Mühen erreicht, dass ich zu Arne Torger wechseln konnte - da musste ich mit Herrn Hennevogl schon kämpfen. Wobei ich mir gar nicht so sicher bin, ob Prof. Torger damals noch einen weiteren Schulmusiker bei sich in der Klasse haben wollte. Auf jeden Fall habe ich bei ihm innerhalb von zwei Jahren viel gelernt. Ich treffe ihn heute noch immer mal wieder. Seine Frau war Schulmusikerin bei den Ursulinen und wir haben uns häufiger bei Fortbildungen gesehen.

CH: Nun zu den anderen Fächern.

BC: Geigenunterricht hatte ich bei Frau Schultz-Thierbach. Bei ihr war man sehr gut aufgehoben als Nebenfach-Studentin. Aber eine großartige Geigerin war ich nie und jetzt liegt die Geige mangels Zeit zum Üben hauptsächlich auf dem Schrank. Was ich sehr gerne gemacht habe, war die Musikwissenschaft, die wir am Institut für Musikwissenschaft der Universität hatten. Es gab ja immer viele Schulmusiker, die das alles zu wissenschaftlich fanden - warum sollten wir eine Vorlesung zu Metastasio hören? Aber ich fand das hochinteressant. Das war meine Sache, das konnte ich und das hat mich sehr interessiert. Deswegen habe ich schließlich meine Zulassungsarbeit bei Professor Martin Just geschrieben. Er hat sicherlich mehr verlangt als jemand aus dem Hause hier, wo ich es einfacher hätte haben können. Ich habe mich Olivier Messiaens Klavierzyklus „Vingt Regards sur l’Enfant-Jésus“ gewidmet. Die Vielfalt dieses Werkes hat mir sehr gefallen und die Analyse und Werkbetrachtung des umfangreichen Zyklus hat mich fasziniert. Mit Prof. Just als Betreuer bin gut ausgekommen.

CH: Das war sicher möglich, weil die Studierenden damals noch pro Semester eine musikwissenschaftliche Vorlesung und ein Seminar besuchten.

BC: Ja. In meiner Generation gab es schätzungsweise ein halbes Dutzend Studierende, die dann auch in der Musikwissenschaft hier promoviert haben. Frau Dr. Breitfeld beispielsweise, die seit etlichen Jahren bei den Ursulinen Schulmusikerin ist. Jürgen Brauner ist in Erlangen tätig. Und dann wäre da noch Theresa Klier, die irgendwo in Mittelfranken an einer Schule ist. Ich bin eigentlich von Haus aus eine Geisteswissenschaftlerin, historische Themen haben mich immer schon interessiert. Schwierige Partituren analysieren - das fand ich spannend. Ich kann mich noch an ein Studientreffen entsinnen, das vielleicht zehn Jahre nach dem Ende des Studiums stattfand. Herr Hennevogl war auch da - bei dem sich dann immer noch Kommilitonen beklagt haben: „Ach, wir mussten da doch die Musikwissenschaftsveranstaltungen besuchen und Sekundärliteratur lesen und ein Referat schreiben.“ Dafür habe ich kein Verständnis. Wenn ich ein Akademiker sein will und dasselbe Geld verdienen möchte wie ein Germanist, ein Romanist oder ein Mathematiker, muss ich eben auch diese wissenschaftliche Arbeit beherrschen.
Deswegen bin ich gar nicht froh darüber, dass hier an der Musikhochschule der Anteil der Musikgeschichte so zusammengekürzt wurde. Ich halte das für nicht richtig, denn wenn die Studierenden schließlich an die Schule kommen, brauchen sie Hintergrundwissen. Wir haben ja immer Praktikanten bei uns, die dann vor mir sitzen und bei Aufgaben wie „Besprechen Sie mit den Schülern Programmmusik. Diktieren Sie den Schülern eine Beschreibung, was Programmmusik ist“ mich mit großen Augen anschauen. So etwas braucht man in der Schule. Gut, heute liest man dann den Wikipedia-Artikel, auf dessen fachwissenschaftliche Richtigkeit man sich nicht immer verlassen kann… Denn eigentlich hat man im Beruf nur wenig Zeit sich noch Wissen anzueignen.

CH: Gab es für Sie die Verlockung, auf dem geisteswissenschaftlichen Gebiet zu bleiben?

BC: Ich habe zuerst das Staatsexamen hier gemacht. Dann war ich mit einem Stipendium in den USA und habe dort an der State University of New York at Stony Brook auf Long Island Musikwissenschaften studiert. Da konnte ich bei sehr berühmten Leuten wie Leo Treitler und Charles Rosen studieren. Es war für mich ein prägendes Jahr, in dem ich die Musikwissenschaft für mich ein weiteres Mal als sehr interessant erlebt habe. Sie hatten dort eine hervorragende Bibliothek, die damals schon sieben Tage die Woche von 8 Uhr früh bis 23 Uhr abends offen hatte. Dort gab es alle Partituren und vieles mehr, weshalb ich mich durch das Gesamtwerk von etlichen Komponisten gehört und deren Partituren gelesen habe. Zu diesem Zeitpunkt habe ich dann eigentlich schon das Thema meiner Doktorarbeit gefunden: Olivier Messiaens spätes Orchesterwerk „Des Canyons aux étoiles“.[1]

CH: Wie kam es zu dieser Verbindung zu Messiaen? Haben Sie selbst auch Werke von Messiaen gespielt?

BC: Ja, einige wenige von den Klavierwerken. Manches ist natürlich wahnsinnig schwierig. Das kann ich einfach nicht spielen. Die Musik hat mich trotzdem schon immer fasziniert. Jetzt wird sie gar nicht mehr so häufig in Orgelkonzerten gespielt. Früher waren die Organisten die Hauptverbreiter von Messiaens Musik.

CH: Welche Erfahrungen haben Sie mit der Musikpädagogik im Studium gemacht?

BC: Das war manchmal ein bisschen blass. Wir haben eben ein Jahr lang oder über mehrere Semester hinweg verschiedene musikpädagogische Theorien besprochen. Die kenne ich, ehrlich gesagt, nicht einmal mehr mit Namen. Aber das hat mit der Praxis auch überhaupt nichts zu tun. Ich bin jetzt 30 Jahre im Dienst und meiner Erfahrung nach – und ich glaube, da gehe ich mit der größten Zahl meiner Kollegen konform – lernt man die Pädagogik nur durch das praktische Ausüben und nicht dadurch, dass ich ein Handbuch lese. Wenn man Tipps von einem erfahrenen Kollegen bekommt, hilft das schon.

CH: Die Ausbildung im Studium fand doch nicht nur theoretisch statt. Ich vermute doch mal, dass es einen Praxisbezug gab?

BC: Ja gut, wir hatten Praktika in der Schule. Das gab es ja damals schon. Das waren bestimmt zwei oder drei dreiwöchige Praktika. Außerdem gab es das studienbegleitende Praktikum über ein Semester, bei dem man immer an einem Vormittag in der Woche in der Schule war. Da musste jeder unterrichten. Bei den Unterrichtsversuchen der Studienkollegen saßen wir hinten im Musiksaal und haben zugeschaut.

CH: Was war mit Ensemblepraxis, Chorleitung und all diesen Dingen?

BC: Das habe ich sehr gerne gemacht. Was ich für mich als gleichbedeutend mit der Musikwissenschaft betrachtet habe, war die Chorleitung. Bis jetzt habe ich damit zu tun, weil es an den Schulen immer einen Chor gibt, während es mit einem Orchester anders aussieht. Zum Beispiel: An dem naturwissenschaftlichen Gymnasium, an dem ich jetzt unterrichte, gibt es Bläser, weil die Schüler in den Blaskapellen ihrer Heimatdörfer quasi angelernt werden und dann auch in der Schule mitspielen. Einen Chor für die Oberstufe haben wir auch. Ich leite den Jugendchor. Aber Streicher gibt es nur ganz wenige.

CH: Also können Sie kein Schulorchester bilden.

BC: Ein Orchester im herkömmlichen Sinne nicht. Für die Jüngeren bieten wir ein „Orchester“ an, das ich in „Instrumentalensemble“ umbenannt habe, als ich es übernommen hatte. Da kommen dann verrückte Besetzungen zustande wie zum Beispiel drei Klarinetten, eine Tuba, ein Schlagzeug und drei Klaviere. Für die muss man irgendetwas arrangieren.

CH: Haben Sie das im Studium gelernt?

BC: Nein, nicht wirklich. Aber wir hatten das Fach Spielkreisleitung, das ein wenig an der Orff-Methodik orientiert war. Dort lernt man diese Dinge: Wie kombiniere ich Instrumente? Wem gebe ich was? Und wie schreibe ich etwas um? Das war doch schon ähnlich zu dem Arrangieren heute. Wir waren also schon etwas vorbereitet.

CH: Zurück zur Musikpädagogik. Die zentrale Rolle nahm hier an der Musikhochschule Herr Hennevogl ein. Vielleicht können Sie aus seinem Unterricht etwas berichten.

BC: Er hat sich sehr um die Schulmusikabteilung gekümmert, er war bei allen schriftlichen Staatsexamina rechtzeitig vorher da und wusste über alles Bescheid. Treffpunkt war immer Montagabend. Wir haben oft über allgemeine Studiendinge gesprochen. Das war immer ein Teil der Veranstaltung. Schließlich haben wir verschiedene musikdidaktische Modelle behandelt oder auch allgemeine Schriften gelesen. Ein Jahr lang hatten wir dann auch bei Lenz Meierott Unterricht. Der hat das Ganze ein bisschen konkreter gemacht, bei ihm mussten wir Stundenmodelle für den Unterricht entwerfen. Aber das war auch alles nur Theorie.

CH: Spielte populäre Musik eine Rolle im Studium?

BC: Nein. Wir hatten nur ein Blockpraktikum, bei dem Joe Viera zu uns kam, um uns etwas über Jazz beizubringen.[2] Das ging über mehrere Samstage, die ich hochinteressant fand. Er hat uns den Jazz mit seinen Merkmalen gut vermittelt. Aber die eigentliche Pop- und Rockmusik hat gar keine Rolle gespielt. Musik dieser Richtung habe ich schon in meiner Jugend und als junge Erwachsene gehört. Ich habe zwei Brüder, die das viel intensiver gemacht haben. Damals gab es Pink Floyd, Sting, Queen und so weiter. Das waren hochkarätige Gruppen, die ich auch im Musikunterricht besprochen habe. Da war ich noch mehr im aktuellen Geschehen drin. Aber ich gebe zu, dass ich Rock- und Popmusik mit zunehmenden Alter nicht mehr hören kann, weil sie langweilig ist. Wenn man von der Klassik kommt, hat man bestimmte Qualitätsansprüche.

CH: Können Sie sich an große künstlerische Projekte erinnern, etwa mit dem Hochschulchor?

BC: Ja, wir haben beispielsweise Carl Orffs „Catulli Carmina“ zusammen mit dem Hochschulorchester aufgeführt, seine „Carmina Burana“, soweit ich weiß, auch. Geleitet hat den Chor Karl Haus, der für die Chorausbildung der Schulmusiker zuständig war. Mit seinem Unterricht kamen wir leider nicht so zurecht. Unsere Generation hat die späteren Studierenden beneidet, die Herrn Straube als Lehrer hatten, der viele sehr gute Chorleiter hervorgebracht hat. Uns hat ein wenig das Fundament gefehlt.

CH: Wo haben Sie das bekommen?

BC: Nach vier Semestern bei Herrn Haus wurden wir von Josef Trompke betreut. Das war dann anspruchsvoller, und weil es mich interessiert hat, habe ich dann noch Chorleitungskurse bei Fritz Schieri, dem damaligen Präsidenten der Münchener Musikhochschule, absolviert. Er hat Chorwochen in der Nähe der Wieskirche in Oberbayern abgehalten und man konnte bei ihm auch einen Chorleitungskurs belegen. Außerdem nahm ich noch an Kursen von Kurt Suttner teil, der in München den „Via nova-Chor“ leitete. Er war eine Koryphäe in Bayern, weil er auch Musik des 20. Jahrhunderts aufgeführt hat.

Die „Catulli Carmina“, die wir um 1980 aufführten, sind mir deswegen gut in Erinnerung geblieben, weil Carl Orff persönlich anwesend war. Er war hochbetagt - er starb 1982 -, saß am Tisch auf der Bühne und las aus „Die Kluge“. Wir standen alle bereits auf der Bühne und er hat gelesen und gelesen und gelesen… Irgendwie hat er sich dort anscheinend sehr wohlgefühlt. Schließlich ist Karl Haus, glaube ich, auf die Bühne gekommen, damit endlich das Konzert beginnen konnte. Und ich glaube, dass wir auch einmal Beethovens 9. Symphonie aufgeführt haben. An Opernaufführungen kann ich mich nicht erinnern.

CH: Wie war die Situation in der Hofstallstraße bezüglich des Übens und der Unterrichtsräume?

BC: Üben war in der Hofstallstraße praktisch nicht möglich. Da gab es im Keller vielleicht eine Handvoll Räume und um sich diese zu sichern, musste man früh morgens, wenn der Hausmeister die Hochschule aufgeschlossen hat, da sein, um sieben Uhr oder halb acht. Man musste also daheim üben. Aus diesem Grund wohnte ich während des Studiums bei meinen Eltern, und sie haben meine vielen Übestunden geduldig ertragen. Aber für viele Kommilitonen war die Zimmer- und Wohnungssuche schwierig, weil die Aufnahmeprüfung ja erst Anfang Oktober war. Anfang November begann das Semester. Während die Studierenden der anderen Fächer schon lange wussten, dass sie hier in Würzburg anfangen, kamen am Schluss diese wenigen Musiker und haben noch ein Zimmer gesucht, in dem man üben kann. Das war sehr schwierig. Ich hatte Studienkolleginnen, denen ich angeboten habe, bei uns zuhause zu üben oder sogar zeitweise dort zu nächtigen. Zumindest während der ersten zwei Semester haben einige Studienkollegen unter wirklich nicht komfortablen Verhältnissen gewohnt.

Wir waren ja auch gut ausgelastet, weil die Schulmusiker einen ziemlich durchgetakteten Stundenplan hatten. Wir durften ja nur acht Semester studieren. Herr Hennevogl hat uns gesagt: „Der Freistaat Bayern braucht Schulmusiker. Sie müssen fertig werden. Wenn Sie länger studieren wollen, können Sie das tun, aber dann bekommen Sie keinen Hauptfachunterricht mehr.“ Da stand man ganz schön unter Druck. Bei mindestens 20 Wochenstunden Lehrveranstaltungen und der Notwendigkeit zum Üben sind viele von uns nicht in die eine oder andere Vorlesung gegangen, wenn es keine Anwesenheitskntrolle gab.

CH: Sie haben das Studium als verschult in Erinnerung?

BC: Ja, diese enge Taktung des Studiums war einfach zu viel. Wir haben uns dann manchmal überlegt, welche Fächer man einfach herausnehmen könnte, zum Beispiel Didaktik des Instrumentalspiels. Das Fach wurde auch abgeprüft, sogar im Staatsexamen. Oder Spielkreisleitung, das Fach hatten wir damals vier Semester lang. Das hätten wir auch in zwei Semestern machen können. Auch die Instrumentenkunde hätte kürzer sein können. Sehr anstrengend war dann das Staatsexamen mit mindestens 17 Prüfungen! Es ging Anfang August mit Pädagogik oder Psychologie los, je nachdem, was man als schriftliches Thema gewählt hat. Und dann waren innerhalb einer Woche die schriftlichen Prüfungen dran: Musikpädagogik, Analyse, Gehörbildung und Tonsatz. Es folgten die praktischen Prüfungen im Hauptfach, Chorleitung und Dirigieren, dann die Musikwissenschaft und ganz zum Schluss noch die mündliche Prüfung in Pädagogik oder Psychologie. Da hat man eigentlich nicht so sehr die fachliche Fähigkeit in den einzelnen Fächern abgeprüft, sondern hauptsächlich das Durchhaltevermögen.

CH: Wie stand es um die Geselligkeit unter den Studenten?

BC: Faschingsbälle für die ganze Hochschule gab es, die hat Johannes Wolf organisiert. Er war damals Studentensprecher und hat alles Mögliche aufgezogen. Auch an eine dreitägige Veranstaltung kann ich mich noch erinnern, bei der alle möglichen Musikgruppen anwesend waren und (modern gesprochen) Workshops gaben. Das ganze Gebäude in der Hofstallstraße war belegt.

Von der Hochschulleitung aus wurden keine Geselligkeiten organisiert. Wenn, dann hat man sich unter Studierenden getroffen. Und wir sind oft in Konzerte gegangen, nicht nur in von der Hochschule veranstaltete, sondern auch in die Abonnementkonzerte, weil wir uns dort als Ordner eintragen konnten, um umsonst hereinzukommen. Ich war sehr viel in Konzerten; ich wollte möglichst viel hören. Danach sind diejenigen, die sonst noch so da waren, zusammen ausgegangen. Das war ganz häufig der Fall.

CH: Sie konnten damals Musik nur als Doppelfach studieren?

BC: Ja, andere Möglichkeiten gab es nicht, genauso wie im Fach Kunst. Das wurde ja endlich vor einigen Jahren geändert. Denjenigen, die vorhaben, in den Schuldienst zu gehen, würde ich immer ein zweites, wissenschaftliches Fach empfehlen. Da ich im Blick auf meine Promotion in Musikwissenschaft zusätzlich Philosophie studiert hatte, konnte ich mich vor einigen Jahren schon auf das Fach Ethik konzentrieren. Ich musste zwar noch eine Nachqualifikation erwerben, weil das Kultusministerium in München Philosophie nicht als Ethik anerkannt hat, aber jetzt unterrichte ich dieses Fach schon seit vielen Jahren. Ich gebe auch in der Oberstufe bei uns den Unterricht und mache das sehr gerne, weil ich es sehr interessant finde – und sehr entlastend.

CH: Entlastend wovon?

BC: Davon, nur Musikunterricht zu geben, weil das wahnsinnig anstrengend ist. Das hat damit zu tun, dass wir in Bayern 27 Wochenstunden haben, was an einem Großstadt-Gymnasium schwer erträglich ist. Und da wir pro Klasse immer nur zwei Stunden in der Woche Unterricht geben, in der Mittelstufe sogar nur eine, hat man mindestens 13 bis 15 Klassen unter seiner Aufsicht, wenn man voll arbeitet, wozu noch der Wahlunterricht dazukommt. Ich hatte in der Zeit, als ich in Vollzeit nur Musik unterrichtet habe, bis zu 500 Schüler! Das hält man einfach nicht aus. Wenn man dagegen beispielsweise Englisch in der fünften Klasse unterrichtet, ist man in dieser einen Klasse fünf Stunden pro Woche. Dadurch lernt man die Schüler auch kennen. Wir Musiklehrer lernen die Schüler nie kennen. Deshalb kann ich nur mit einem Klassenspiegel arbeiten. Gott sei Dank habe ich ein ganz gutes fotographisches Gedächtnis, sodass ich erkenne, wenn jemand auf dem falschen Platz sitzt. Aber wie dieser Schüler heißt, weiß ich nicht. Dazu muss ich auf meinen Klassenspiegel schauen. Und das finde ich sehr erschwerend.

Man tut sich natürlich mit einem wissenschaftlichen Fach auch leichter. Es ist einfach wichtiger für die Schüler. Es ist weniger anstrengend zu unterrichten, weil es dort um etwas geht. Da zählt auch die Note etwas. Deswegen rate ich allen, die auch zu uns als Praktikanten kommen und kein wissenschaftliches Fach studieren: „Machen Sie es. Wenn Sie es nicht machen, werden Sie nach fünf Jahren Dienst daran denken, dass ich es Ihnen geraten habe.“

Fußnoten

  1. ^Vgl. Beate Carl, Olivier Messiaens Orchesterwerk ‚Des Canyons aux étoiles‘: Studien zu Struktur und Konnex, Kassel 1994.
  2. ^Joe Viera (geb. 1932), Jazz-Saxophonist, seit 1970 künstlerischer Leiter der Internationalen Jazzwoche Burghausen, 1971-1998 Dozent an der Universität Duisburg (ab 1981 Professor) und an der Musikhochschule Hannover, Herausgeber des Unterrichtswerks reihe jazz.